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Smartphone-Apps für Ersthelfer: Retter auf Abruf

2021-01-23T18:25:34.889Z

Bei Herzstillstand zählt jede Sekunde. Smartphone-­Apps können helfen, schnell Ersthelfer zu mobilisieren. In Deutschland ist das allerdings bislang uneinheitlich organisiert.


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Überlebenswichtig: Ersthelfer und Mithelfer versorgen eine kollabierte Person

Foto: Philips

Jedes Jahr erleiden mindestens 50.000 Menschen in Deutschland einen plötzlichen Herzstillstand außerhalb eines Kran­kenhauses, also vollkommen überraschend zu Hause, am Arbeitsplatz oder unterwegs. Wenn jemand auf der Straße, im Bus oder am Arbeitsplatz plötzlich kollabiert, ist schnelle Hilfe gefragt. Die Zeit wird in solchen Fällen in Sekunden gemessen; schon nach drei bis vier Minuten ohne lebensrettende Maßnahmen drohen den Opfern bleibende Schäden.

Zwar lernt jeder, der einen Führerschein macht, im obligatorischen Erste-Hilfe-Kurs, wie man in so einem Notfall eine Herzdruckmassage ausführt. Aber die Hemmschwelle ist hoch, das Erlernte im Ernstfall anzuwenden. Die Situation, plötzlich Erste Hilfe leisten zu müssen, überfordert viele Betroffene, physisch wie psychisch.

Nur rund 40 Prozent der Menschen beginnen deshalb eine Herzdruckmassage, wenn sie einen Bewusstlosen finden, berichten Fachärzte. Doch bis der Rettungsdienst vor Ort ist und die Profis mit Wiederbelebung und Beatmung beginnen, verstreichen oft mehr als die kritischen drei bis vier Minuten, denn im Durchschnitt brauchen die Retter bis zum Eintreffen neun Minuten.

In immer mehr Landkreisen hoffen die Rettungskräfte auf Smartphone-Apps, die diese Zeit verkürzen sollen. Wird per Notruf eine bewusstlose Person gemeldet, alarmiert der Disponent in der Rettungsleitstelle potenzielle Ersthelfer in der Umgebung, die zum Unglücksort eilen und dort Erste Hilfe leisten können, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Das Prinzip gibt es seit Jahren

Solche Anwendungen gibt es bereits länger. Vorreiter war ab 2013 der Landkreis Gütersloh. Initiator dort war der Neurochirurg und Notfallmediziner Ralf Stroop, der erst durch das Eintreffen der Rettungskräfte bemerkte, dass in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Notfall eingetreten war, bei dem er hätte helfen können – wenn er davon erfahren hätte.

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Geht ein Alarm ein, hat ein Ersthelfer in der App Katretter 30 Sekunden Zeit, seinen Einsatz zu bestätigen

Foto: c't

Im Laufe der Jahre kamen weitere Systeme hinzu, die alle nach dem gleichen Prinzip arbeiten. In Freiburg beispielsweise gründete sich 2017 der Verein »Region der Lebensretter«, der ein bestehendes System aus Dänemark übernahm und an die eigenen Bedürfnisse anpasste.

Da die Landkreise das Rettungswesen individuell organisieren, gibt es bislang keine Standards, solche Systeme sind noch längst nicht überall im Einsatz. Die Alarmierung und Auswahl potenzieller Ersthelfer laufen in den Landkreisen nach unterschiedlichen Regeln und mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wenn es denn überhaupt eine solche App gibt.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) beispielsweise legt den Schwerpunkt seiner Arbeit auf ein Register für öffentlich zugängliche Defibrillatoren, das für jedermann per App abrufbar ist. Für das System des ASB als Nothelfer registrieren lassen kann sich nur medizinisches Fach- oder Rettungsdienstpersonal mit aktueller Qualifikation für Erste Hilfe.

Im Oktober dieses Jahres veröffentlichte das Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (Fokus) eine solche App-Lösung mit dem Namen Katretter. Der Name lehnt sich an das etablierte Bevölkerungswarnsystem Katwarn des Instituts an, das in zahlreichen Rettungsleitstellen bereits zum Einsatz kommt.

Für die Landkreise, die bereits Katwarn im Einsatz haben, wäre es also besonders einfach, eine solche Lösung zu etablieren. Gleich am Anfang mit dabei waren Berlin und sieben weitere Landkreise, weitere 30 sind laut Auskunft von Fokus in konkreten Gesprächen über die Einführung oder treffen bereits Vorbereitungen. In den bislang nur wenigen Einsatzorten erfolgten bereits 2000 Alarmierungen über das System, in 750 Fällen konnten Retter tatsächlich ausrücken. In Berlin sind bereits 3000 Ersthelfer registriert.

Kleinstaaterei

Obwohl das Fraunhofer-System bundesweit einheitlich funktioniert, bleiben die Rettungsleitstellen voneinander unabhängig. Ist ein registrierter Berliner Erstretter in einem Landkreis unterwegs, der ebenfalls Katretter einsetzt, wird er nicht alarmiert, denn die Rettungsleitstellen verfahren schon bei der Auswahl potenzieller Retter unterschiedlich.

Mancherorts ist es für die Registrierung ausreichend, einen Erste-Hilfe-Kurs besucht zu haben, anderswo setzen die Betreiber für die Teilnahme voraus, dass man wenigstens medizinische Grundkenntnisse besitzt, oder lassen als potenzielle Ersthelfer gar nur Profis aus Medizin und Rettungswesen zu.

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Die geplante Mithelfer-Funktion von ­Katretter ist in der App zwar schon sichtbar, aber noch nicht implementiert

Foto: c't

Die Betreiber von Katretter reagieren darauf, indem sie zwei Kategorien von Helfern einführen, Ersthelfer und Mithelfer. Noch ist die Mithelfer-Funktion nicht implementiert, in der App ist der Punkt aber bereits sichtbar. Derzeit implementiert Fokus zusammen mit der Berliner Feuerwehr und dem ASB diese Funktion in der App.

Mithelfer können beispielsweise zur Hand gehen, indem sie eine Unfallstelle absichern, Rettungskräfte einweisen oder für den Ersthelfer vor Ort einen automatischen Defibrillator von einem Standort in der Nähe bringen.

In Freiburg ist man schon weiter. Das dortige System weist bei jedem Einsatz nach Möglichkeit vier Ersthelfer zu. Jeder von diesen erhält eine spezifische Aufgabe: Die ersten beiden nehmen abwechselnd die Herzdruckmassage vor, der dritte Helfer holt den nächstgelegenen Defibrillator und der vierte Helfer sorgt dafür, dass der eintreffende Rettungsdienst schnell zum Einsatzort gelangt.

Datenschutzfragen

Für die Funktion der Fokus-App ist der genaue Standort der Teilnehmer unabdingbar. Allerdings wäre es datenschutzrechtlich nicht vertretbar, diesen ständig zu überwachen. Bei Fokus hat man deswegen einen zweistufigen Ansatz gewählt. Im Normalbetrieb werden potenzielle Helfer nur grob geortet. Der Standort wird, wenn sie in Bewegung sind, nur alle 500 Meter aktualisiert, ansonsten alle 5 Minuten. Im System wird der Standort dann noch einmal künstlich um weitere 500 Meter verzerrt. Rückschlüsse auf den genauen Aufenthaltsort lässt das nicht mehr zu.

Sobald die Alarmierung erfolgt, ist allerdings Genauigkeit gefragt. In diesem Fall wird der Standort aller potenziellen Ersthelfer mit der sogenannten Feinortung erfasst und für die Alarmierung ausgewertet. Gespeichert werden am Ende nur die Statusmeldungen und eine Einsatzdokumentation.

Wenn der Alarm eingeht, hat der Helfer 30 Sekunden Zeit, den Auftrag anzunehmen. Er erhält dann die genauen Standortangaben, wo seine Hilfe benötigt wird, und macht sich auf den Weg. Zwischen der Auslösung des Alarms vom Disponenten und dem Eingang der Meldung beim Helfer vergehen nur wenige Sekunden. Die meiste Zeit wird für die Aktualisierung der Standortdaten benötigt. Der Versand der Mitteilungen selbst erfolgt laut Fokus innerhalb von ein bis zwei Sekunden.

Bleibt die erste Alarmierung erfolglos, durchläuft das System die Alarmierung noch zweimal, denn inzwischen könnte sich ja die Situation geändert haben, etwa weil ein Teilnehmer eine Tiefgarage verlassen und wieder Empfang hat oder auf seinem Weg zufällig in die Nähe der Einsatzstelle gelangt ist.

In einigen Rettungsleitstellen werden die Ersthelfer bei Notarzteinsätzen mit einem möglichen Herzstillstand standardmäßig mit alarmiert, anderswo kann der Disponent die Alarmierung nach seiner Einschätzung manuell zu- oder abwählen.

Viele Lösungen

Ähnlich wie bei den Warn-Apps für die Bevölkerung gibt es bei den Ersthelfer-Apps je nach Landkreis unterschiedliche technische Lösungen, die aber letztlich alle nach dem gleichen Funktionsprinzip arbeiten.

Viele Menschen halten sich nicht durchgehend in einem Landkreis auf, sondern pendeln, sind beruflich oft unterwegs oder haben zwei Wohnsitze. Ein einheitlicher Standard mit Vernetzung der App-­Betreiber untereinander oder eine bundesweite Plattform könnte im wahrsten Sinne des Wortes Leben retten, indem sie mehr Ersthelfereinsätze ermöglichen.

Informationen zu Ersthelfer-Apps

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Source: spiegel

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