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Deutschland braucht die FFP2-Maskenpflicht - DER SPIEGEL - Wissenschaft

2021-01-13T19:59:07.487Z

Die selbst genähte Alltagsmaske ist ein Relikt. Es wird höchste Zeit, dass wir alle professionelle Masken tragen, die auch uns selbst vor dem Virus schützen. Bezahlen muss sie der Staat.


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FFP2-Trägerin: Die Kanzlerin schützt sich schon seit Monaten mit professionellen Masken

Foto: Christian Spicker / imago images/Christian Spicker

Wer glaubt ernsthaft, dass uns das bisschen Tuch vor Mund und Nase davor schützt, Coronaviren einzuatmen? Und doch tragen noch immer Millionen Menschen in Bus, Bahn und Supermarkt solch selbst geschneiderte Stoffmasken.

Nach zehn Monaten Pandemie, mitten im zweiten Shutdown, während das Virus durch Deutschland tobt. Trotz hunderter Toten und zehntausender Neuinfektionen täglich. Und trotz der noch ansteckenderen Mutationen, die sich auch hierzulande demnächst ausbreiten könnten.

Es wird höchste Zeit, dass wir alle in Risikosituationen die dafür geschaffenen Masken tragen – FFP2-Masken ohne Ventil. Denn diese Produkte werden genau für diesen Zweck erdacht, geprüft und zertifiziert: um Schadstoffe aus der Luft zu filtern, zum Beispiel die berüchtigten Aerosole. Beim Einatmen und beim Ausatmen.

Im Prinzip ist daher der Ansatz des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder richtig, FFP2-Masken im Nahverkehr und im Einzelhandel vorzuschreiben. Allerdings haben Söder und seine Leute die Umsetzung ihrer neuen Pflicht für echte Schutzmasken zuerst nicht gut durchdacht. Sie müssen nun nachsteuern.

Ob im Flugzeug, beim Einkaufen oder auf dem Amt: Eine deutschlandweite FFP2-Maskenpflicht in Innenräumen mit vielen Menschen wäre höchst sinnvoll. Aber die Bundesregierung müsste sie ordentlich vorbereiten. Und die FFP2-Masken kostenlos ausgeben: zumindest an einkommensschwache Bürger.

Die sogenannten Alltagsmasken sind ein Relikt. Aus der Not geboren im vergangenen April, als es losging mit der Maskenpflicht. Professionelle Schutzmasken waren damals Mangelware: »Gold wert«, wie Jens Spahn sagte. Die wenigen, die es gab, sollten Ärzten und Pflegern vorbehalten bleiben. Zu Recht. Selbst einfache OP-Masken waren hier und da knapp. Und: Ein selbst geschneiderter Mund-Nasen-Schutz, ein Schal oder ein Halstuch vor dem Mund sind viel besser als gar nichts. Sie können andere Menschen vor der Tröpfchen-Infektion bewahren, den ausgeatmeten oder ausgehusteten Luftstrom ablenken, verhindern, dass sich das Virus weit in Räumen verteilt.

Aber all dies erreichen die Eigenbau-Masken immer nur teilweise – längst nicht so gut wie die eigens dafür konzipierten ventillosen FFP2-Masken mit ihren eingearbeiteten Filtern. Und die Trägerin oder den Träger selbst kann das Stück Stoff kaum davor bewahren, kontaminierte Umgebungsluft einzuatmen. Vielleicht haben Sie trotz übergestreiftem Do-It-Yourself-MNS schon mal das Parfüm oder den kalten Rauch Ihrer Sitznachbarn gerochen.

Milliarden Masken auf Lager

Seit dem vergangenen Sommer ist es vorbei mit dem FFP2-Mangel. Jede, jeder, kann sich eine professionelle Schutzmaske kaufen. Völlig legal. In der Apotheke, in Geschäften, im Netz. Das Atmen mag anfangs etwas schwerer fallen als durch ein Baumwolltuch. Aber viele FFP2-Träger gewöhnen sich schnell. Und: wenn Sie diese Maske richtig aufsetzen - hier ist Aufklärung wichtig - sind Sie und die Menschen in Ihrer Umgebung geschützt. Nicht perfekt, aber definitiv besser als mit dem Eigenbau.

Verglichen mit anderen Corona-Maßnahmen wie der Schul-, Kita-, Restaurant- und Ladenschließungen, Ausgangssperren oder 15-Kilometer-Radien schränkt die erweiterte Maskenpflicht unser Leben kaum ein. Sie kann aber viele Ansteckungen verhindern. FFP2-Masken ohne Ventil müssen gemäß europäischer Norm mindestens 94 Prozent der in der Luft befindlichen Partikel bis zu einer Größe von 0,6 Mikrometern auffangen.

Laut Schätzungen von Logistikern liegen Milliarden von FFP2-Masken einsatzbereit auf Lager. Und für die meisten Bundesbürger dürften sie erschwinglich sein: bei Stückpreisen ab 1,50 Euro für Produkte mit CE-Kennzeichen. Für Menschen mit niedrigem Einkommen ist das allerdings immer noch viel Geld. Und würde eine bundesweite Maskenpflicht von heute auf morgen unvorbereitet eingeführt, könnte es Beschaffungschaos geben.

Söders bayerische Regierung macht sich einen schlanken Fuß. Sie behauptete pauschal, es gebe genügend Masken im Freistaat – wenige Stunden später waren viele Apotheken im Freistaat und Onlinehändler ausverkauft. Und die Landesregierung wollte anfangs die Kosten allen Bürger aufbürden, bis hin zu den Schwächsten. Jeder werde »auch selber einen Beitrag leisten können«, sagte Gesundheitsminister Klaus Holetschek. Das ist unsozial, bei einem Hartz-4-Regelsatz für Gesundheitspflege von 0,57 Euro pro Tag.

Ein Shitstorm folgte, nun will die Staatsregierung Bedürftigen in Bayern offenbar 2,5 Millionen FFP2-Masken gratis bereitstellen. Lange reichen wird diese Menge nicht.

Der Kampf gegen die Pandemie ist Staatsaufgabe. Es geht um unser aller Gesundheit. Wenn die verantwortlichen Politiker eine FFP2-Maskenpflicht verkünden, müssen sie vorab sicherstellen, dass genug FFP2-Masken erhältlich sind. Sie müssen die Bürger aufklären, wie man die Masken richtig trägt. Und wenn die Entscheider dreimal mit Steuermilliarden den Reisekonzern TUI retten können, dann dürfen sie bei FFP2-Masken nicht knausern. Die sind im Großhandel bei entsprechenden Mengen ab 0,50 Euro pro Stück zu haben.

Würde der Staat allen Bürgern eine Maske pro Tag schenken, würde ihn das rund 1,25 Milliarden Euro im Monat kosten. Ein Bruchteil dessen, was der Shutdown verschlingt. Und so viele Masken muss der Staat nicht verschenken. Ich selbst etwa kann mir die FFP2 leisten, und es gibt Millionen Deutsche oberhalb meiner Gehaltsklasse. Außerdem können auch Einweg-FFP2-Masken US-Wissenschaftlern zufolge bedenkenlos mehrfach verwendet werden, indem man sie mithilfe eines Kochers sterilisiert.

Eine bundesweite FFP2-Maskenpflicht in Verkehrsmitteln und Geschäften könnte tausende Menschenleben retten. Sie darf jedoch nicht ohne Vorbereitung verordnet werden. Die Bundesregierung und die anderen Bundesländer sollten sich Bayerns Vorstoß genau anschauen. Und dann das Richtige tun, aber richtig.

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Source: spiegel

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