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Erste Fahrt im VW ID.4: Als Volkswagen einmal schneller als Tesla war - DER SPIEGEL - Mobilität

2020-09-22T03:01:46.075Z

Mit Tamtam stampft Tesla in Brandenburg die Fabrik fürs SUV Model Y aus dem Boden. Weniger beachtet: Bei VW rollen die ersten Exemplare des Konkurrenten ID.4 schon vom Band. Muss Elon Musk zittern? Eine Probefahrt.


Vielleicht war es Zufall, doch viel passender hätte VW die ersten Fahrten mit dem Elektro-SUV ID.4 nicht terminieren können: Sie waren just für die Zeit angesetzt, als Tesla-Chef Elon Musk jüngst auf Deutschland-Besuch war.

Während die VW-Entwickler sich auf dem großen, ansonsten meist geheimen Testgelände in Ehra-Lessien über die Schulter schauen ließen, stapfte der Tesla-Chef ein paar hundert Kilometer östlich durch die Brandenburger Heide. Dort ließ er sich die Baustelle für jene Fabrik zeigen, in der bald der wichtigste Kontrahent des ID.4 vom Band laufen soll - das Model Y, ebenfalls ein Vertreter des boomenden Mittelklasse-SUV-Segments.

Die Bedeutung, die mit beiden Ereignissen zusammenhängt, könnte für die Unternehmen also kaum größer sein: Musk nennt die Gigafactory in Grünheide mit ihrer Jahreskapazität von 500.000 Autos das vielleicht bedeutendste Autowerk der Welt. Das Model Y soll das Model 3 als meistverkauftes Auto der Kalifornier ablösen und Tesla zum wirklichen Massenhersteller machen.

VW-Chefingenieur Frank Bekemeier spricht beim ID.4 (Weltpremiere am Mittwoch, 23. September) vom wichtigsten Modell in der Elektrooffensive des Konzerns. Zwar feiern sie den elektrischen Kompaktwagen ID.3 eine Klasse darunter als Leuchtturm und "Golf der neuen Zeit". Doch ist der ein europäisches Phänomen und sein Segment schrumpft, räumt Bekemeier ein.

Der ID.4 dagegen wird weltweit angeboten und bald auch in China sowie im US-Werk Chattanooga gebaut. Wie das Model Y zählt er zu den Crossover-SUV, mit hoher Sitzposition, stämmiger Silhouette und großem Kofferraum. So, wie der Golf im weltweiten Absatz längst vom Tiguan überholt wurde, dürfte der ID.4 den ID.3 überholen, sagt Bekemeier. Er kann sich nicht vorstellen, dass sich eines der über drei Dutzend anderen geplanten E-Modelle im VW-Konzern besser verkaufen wird.

Zu Preisen ab knapp 37.000 Euro in Deutschland (also 7000 Euro über dem ID.3) gibt es ein Auto, das viele traditionelle VW-Werte geschickt in die Neuzeit übersetzt:

  • Das Design wirkt zwar frischer und frecher als beim Tiguan, wird aber trotzdem wohl niemanden verschrecken

  • Das Bediensystem lässt sich einfach nutzen - obwohl es mit dem kleinen, frei stehenden Display hinter dem Lenkrad ungewöhnlicher aussieht als im neuen Golf

  • Die Materialien sehen vornehmer aus als im von Hartplastik dominierten ID.3, und sie fühlen sich besser an. Es gibt weich unterschäumte Kunststoffe und schmucke Metallkonsolen.

Das Fahren wirkt ebenfalls vertraut. Zwar ist der ID.4 für seine Größe ungewöhnlich handlich, weil die Vorderräder ohne großen Motor dazwischen weiter einschlagen können. Und dank des üppigen Drehmoments des E-Motors fallen auch die rund zwei Tonnen nicht weiter negativ auf. Doch Elektroauto-Eigenheiten wie das One-Pedal-Fahren wollte Bekemeier den Umsteigern aus Benziner oder Diesel nicht zumuten. Der zum Generator umgepolte E-Motor des ID.4 verzögert deshalb nur minimal - anders als in Autos wie dem Nissan Leaf oder dem Polestar 2. Beim Lupfen des Fahrpedals rekuperieren sie mehr Strom und kommen auch ohne Bremse schnell zum Stehen.

Das Streckenprofil kann der Fahrer im ID.4 guten Gewissens wählen wie beim Tiguan: Durch die Stadt kommt er ähnlich gelenkig, über die Autobahn gelassen und auf der Landstraße engagiert voran - dank Progressivlenkung und adaptivem Fahrwerk. Unbeirrt rollt der ID.4 über die Schotterpisten, Waldwege und Schlammwüsten von Ehra-Lessien, auf denen VW seine Rallye-Autos abstimmt. Dabei müssen die Kunden der ersten Monate mit Heckantrieb auskommen. Eine Allradversion schiebt VW später nach.

Anders ist dagegen das Raumgefühl – aus der Sicht von Tiguan-Fahrern, aber auch für potenzielle Tesla-Umsteiger: Bei 4,58 Metern Länge und 2,77 Metern Radstand bietet der ID.4 vor allem Hinterbänklern deutlich mehr Platz als der Verbrenner-SUV aus Wolfsburg und auch als der Konkurrent aus Grünheide. Dabei sind beide ein gutes Stück länger. Auch der Kofferraum des VWs kann sich mit knapp 600 Litern Fassungsvermögen sehen lassen. Für weitere Transportaufgaben montiert VW eine Dachreling und rüstet den ID.4 als eines von wenigen Elektroautos mit einer Anhängerkupplung aus.

In Sachen Leistung sucht der ID.4 nicht den Zweikampf mit Teslas Model Y - das allerdings auch runde 20.000 Euro teurer ist. Der Heckmotor mit seinen vier Leistungsstufen von 109 bis 150 kW beschleunigt im besten Fall in rund acht Sekunden auf Tempo 100, mit einem Drehmoment von maximal 310 Nm.

Solide gegen cool - reicht das für VW?

Weder die 3,7 Sekunden des Model Y noch dessen Höchstgeschwindigkeit von 241 km/h erreicht der ID.4 auch nur ansatzweise. VW macht schon bei 160 Sachen Schluss. Erst das kommende Topmodell, das zu 150 kW im Heck einen 75 kW-Motor an der Vorderachse hat, schafft 180 km/h und wird von allen Vieren angetrieben. Die klassische, hedonistische Tesla-Klientel dürfte Volkswagen so nicht auf seine Seite ziehen.

Die Energie liefert ein Lithium-Ionen-Block im Wagenboden, den VW zunächst in zwei Größen liefert. Das Einstiegsmodell nutzt eine Netto-Kapazität von 52 kWh, die für eine Strecke von 350 Kilometern reichen sollen. Die teureren Varianten fahren mit 77 kWh bis zu 520 Kilometer weit und stechen Tesla damit knapp aus. Geladen wird der kleine Akku mit maximal 100 kW und der große mit bis zu 125, sodass an einer typischen Schnellladesäule binnen 30 Minuten Strom für über 300 Kilometer fließt.

Solide Fakten - aber ob das alles reicht, um die VW-Stammkundschaft von Tesla und dem Model Y fernzuhalten? Womöglich entsteht in Grünheide das coolere Auto, und wie Popstar Musk werden die Wolfsburger Entwickler in absehbarer Zukunft wohl auch nicht gefeiert.

Hoffnung könnte VW-Fans indes das Tempo machen, mit dem der Konzern inzwischen arbeitet. Während die Teslas aus Brandenburg frühestens im kommenden Sommer auf die Straße gelangen, hat die Produktion des ID.4 in Zwickau bereits begonnen. Noch vor Weihnachten sollen die ersten Kunden am Steuer sitzen.

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Source: spiegel

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