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Wo kommen eigentlich die ganzen Putin-Fans her? - DER SPIEGEL - Netzwelt

2020-09-16T12:38:23.108Z

Deutsche Putin-Verehrer sind ein Internetphänomen: Patriarchatsjunkies und Propagandisten, Rechtsextreme und Linksnationalisten. Erstaunlich für eine liberale Demokratie? Nein.


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Pro-Kreml-Demo 2015 in der russischen Hauptstadt: Putin-Fans gibt es in Moskau - aber nicht nur dort.

Foto: Sasha Mordovets / Getty Images

Deutschland ist knallvoll mit Putin-Fans. Kein digitaler Stein, unter dem nicht bei jeder Gelegenheit ein Dutzend Putinisten hervorkäme, ihren Wladimir zu preisen, zu verteidigen oder zu beschwören. Putin ist der Schutzheilige deutscher Netzquerulanten.

Aber nicht nur im Netz, auch die deutsche Politik ist von Putinisten regelrecht durchweicht. Ganz vorn Altkanzler Gerhard Schröder, der mit seiner Gazprom-Moral inzwischen mehr Schaden angerichtet hat als Helmut Kohl mit seinen schwarzen Kassen. Die ganze AfD, die halbe Linkspartei, vielleicht ein Viertelchen der SPD sowie ein paar entscheidende Figuren in FDP, CDU und CSU könnten sich im Zweifel wohl darauf einigen, dass man auch dann noch mit Putin liebevoll sprechen müsse, wenn er im russischen Staatsfernsehen vor laufender Kamera Babys isst.

Leute wie Wolfgang Kubicki (FDP) würden dann möglicherweise betonen, dass Putin bisher nicht rechtskräftig wegen Babyessens verurteilt worden sei und vor einem vorschnellen moralischen Urteil warnen, denn die Uhren in Russland gingen anders. Leute wie Klaus Ernst (Linkspartei) würden dann wohl fragen, was es Putin überhaupt bringen würde, Babys zu essen und eine Verschwörung der Amerikaner ins Spiel bringen. Leute wie Alexander Gauland würden wahrscheinlich Zweifel am tatsächlichen Nutzen von Babys säen und an die alte Tradition des Babyessens erinnern. Übrigens ist auch Armin Laschet auffällig oft auf knuffigem Kuschelkurs mit Putin, vielleicht interessiert das bei der Westbindungspartei CDU ja doch noch jemanden rechtzeitig zur kommenden Vorsitzendenwahl.

Sascha LoboPfeil nach rechts

Foto: 

Urban Zintel

Jahrgang 1975, ist Autor und Strategieberater mit den Schwerpunkten Internet und digitale Technologien. 2019 erschien bei Kiepenheuer & Witsch sein Buch "Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart". In seinem "Debatten-Podcast" reagiert Lobo auf Zuschriften zu seinen Kolumnen.

Mittlerweile ist nachgewiesen, dass der Putinkritiker Alexej Nawalny mit Nowitschok, dem russischsten aller Gifte, vergiftet wurde. Zufälligerweise die Substanz, die russische Agenten vor zwei Jahren bei einem Mordanschlag verwendeten, Potzblitz. Und trotzdem finden sich quer durch das deutschsprachige Internet Horden von Leuten, die eines ganz, ganz genau wissen: Putin kann es nicht gewesen sein. Die folgende Analyse soll sich dem Netzphänomen "deutsche Putin-Fans" nähern.

Antiliberale Patriarchatsjunkies

Putin ist in den Köpfen dieses Fantypus ein Antidot gegen die "Verweichlichung des Westens". Darunter verstehen sie Feminismus, die Rechte von Minderheiten sowie die umfassende Liberalisierung der Gesellschaft inklusive der größeren Durchmischung unterschiedlicher Kulturen und dem Kampf für Grundrechte für alle. Die ukranischstämmige Autorin Marina Weisband, die in der deutschen Öffentlichkeit über die Krimannexion und den folgenden Konflikt sprach, wird seit 2014 von Putin-Fans und wohl auch bezahlten "Trollen" aggressiv angegangen und sagt: "Ich müsste noch den männlichen Putin-Fan treffen, der Respekt vor Frauen hat." Dieser Typus saugt die hypermännlichen Inszenierungen von Putins Propagandamaschinerie begeistert auf und sieht sich in seinem Sehnen nach einer vermeintlich einfacheren, weniger komplexen Gesellschaft mit schlichten Rollenbildern bestätigt. Putin ist für sie die harte, autoritäre Vaterfigur, die die Probleme löst, die in ihren Augen von Frauen, Schwulen und Ausländern verursacht wurden. Ein manngewordenes Motto: "Vorwärts in die Welt von gestern", natürlich mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd reitend.

Fehlgeleitete Russlandfreunde

Die große Kulturnation, die Russland seit Jahrhunderten ist, ist unbedingt jeden Fantums würdig. Deshalb inszeniert sich Putin als Symbol nicht nur für das gegenwärtige, sondern auch das vergangene Russland. Putin zielt strategisch auf eine Gleichsetzung seiner Person mit dem Land in den Köpfen, mit der Figur des mächtigen, harten, aber auch gütigen Landesvaters. Darauf fallen überraschend viele, eigentlich klar und rational denkende Leute herein, die jederzeit schwören würden, dass Angela Merkel nicht Deutschland ist. Unter diesen Putin-Fans finden sich auch viele Menschen mit persönlichen Bezügen zum Land. Und weil andererseits in vielen meinungsbildenden, westlichen Köpfen - auch medialen und politischen – ein deutlich vereinfachtes, manchmal unfaires Russlandbild nachwirkt, münzen die fehlgeleiteten Russlandfreunde deren Ungerechtigkeiten zum Argument pro Putin um.

Antiamerikaner & Anti-EU

Antiamerikanismus ist in Deutschland außerordentlich anknüpfungsfähig in eine Vielzahl verschiedener Milieus und Gruppierungen hinein, von hartlinks bis rechtsextrem, in den Geschmacksrichtungen antikapitalistisch bis antifreiheitlich. Manche Menschen, die mit der Komplexität der Welt Probleme haben, sehen dann in Putin einen Gegenpol zu den USA, und wenn man das eine hasst, muss man das andere lieben. Dieses Schwarz-Weiß-Denkmuster wird von russischer Propaganda angereichert mit jeder Menge Nato-Feindschaft, ohne Rücksicht auf Geschichte, Gegenwart und Grauwerte. Als Gemeinsamkeit taugt eine tiefe Ablehnung gegen "die da oben".

Benjamin Bidder, ehemaliger Russland-Korrespondent des SPIEGEL, sagt: "Viele sehen Putin als Verbündeten im Stellvertreterkrieg gegen das Establishment". Deshalb funktioniert das gleiche Ablehnungsmuster, meist vermengt mit der offenen Antiliberalität des ersten Typus, gegenüber der EU. Mit erstaunlich geringer Kenntnis von ungefähr allem sieht dieser Fantypus in Putin eine Erlöserfigur vor den wahren Bedrohungen wie USA, EU oder einer komplizierten Realität.

Trump-Fans & Verschwörungstheoretiker

Weil in der deutschen Pro-Putin-Szene die Logik nur eine sehr untergeordnete Nebenrolle spielt, ist es problemlos möglich, dass sich glühende Antiamerikaner und ultranationalistische Trump-Fans putintrunken in den Armen liegen. Die Trump-Fans eifern ihrem Idol nach und sind in aller Regel ähnlich autoritär, nationalistisch und antiliberal eingestellt wie Trump selbst. Und Putin, dessen Politik sich mit exakt diesen drei Adjektiven beschreiben lässt. Bei diesem Typus wird am deutlichsten, dass Putin oft nur als Chiffre für die Ablehnung der liberalen Demokratie westlicher Bauart verwendet wird. Auf den verschiedenen Corona-Demos der letzten Monate waren oft Putin-Sprechchöre zu hören, hier dient Putin als Pate des Haderns mit der Gegenwart insgesamt. Alles, was schlecht läuft, ist Merkel und EU, alle Hoffnungen hingegen ruhen auf Putin oder Trump. Oder beiden.

Rechtsextreme & Linksnationalisten

An wenigen Stellen ist eine deutsche Querfront so greifbar wie im Putinismus. Dass Rechtsextreme die antiliberale, antiwestliche und antidemokratische Haltung Putins lieben, überrascht kaum. Die linken Fans dagegen blenden die neurechten und rassismusgefärbten Putinpositionen aus und klammern sich an Putin als Nachfahre der uralten Linksverbündeten aus Sowjetzeiten. Das geht überhaupt nur in linksnationalistischer Geschmacksrichtung und auch nur, wenn man "links" immer noch so definiert wie 1959. Also nicht prinzipiell progressiv, sondern weitestgehend auf die Frage sozialer Gerechtigkeit für weiße Männer bezogen. Diesen Fans dient Putin als Versprechen, dass eine andere, nämlich starre, gestrige Welt mit gesellschaftlicher Homogenität möglich ist. Aber halt mit Mindestlohn.

Profi-Propagandisten und ihr Instrumentarium

Dass im deutschen Netz diese (und mehr) verschiedene Typen von Putin-Fans derart präsent sind, ist kein Zufall, sondern auch das Ergebnis aufwendiger Propagandaarbeit. Seit Putin die Annexion der Krim Anfang 2014 unternahm, lassen sich in den Kommentarbereichen großer Medien deutlich mehr Pro-Putin-Kommentare beobachten. Es gibt eine jahrzehntelange Tradition russischer konfliktbegleitender Propaganda, und spätestens mit dem Überfall auf die Krim ist die staatlich gelenkte, politische Kommunikation in sozialen Medien auf ein neues Qualitätslevel gehievt worden.

Der milliardenschwere Oligarch, der als "Putins Koch" bekannt ist, hat maßgeblich dazu beigetragen. Er gilt als Kopf hinter den sogenannten "Trollfabriken", die nichts anderes sind als digitale Propagandaeinheiten. Anfangs eher plump und experimentell, produzieren sie inzwischen Qualitätspropaganda, weil sie soziale Medien als Segen für ihre Aufgabe erkannt haben - die offensive Verfolgung russischer, oder präziser: Putinscher Interessen. Sie arbeiten im Verein mit russischen staatlich gesteuerten Propagandamedien wie "RT Deutsch" oder, in der eher linksempfundenen Variante, "redfish".

Der nachrichtliche Anschein der Artikel von "RT Deutsch" wird dabei in sozialen Medien verbreitet und von langjährig aufgebauten Einzelaccounts und Gruppen um eine emotionale Ansprache ergänzt. Die Kernbotschaft funktioniert rechts wie links – es ist die Verdorbenheit und Schwäche des Westens, die zugleich Russland stärker dastehen lassen soll. Dieser Propagandaansatz kann funktionieren, weil er mit den Selbstzweifeln der westlichen liberalen Demokratien arbeitet – also der ständig laut und vielfältig diskutierten Frage nach dem gesellschaftlich richtigen Weg. Diese Form der Selbstüberprüfung in Form von Debatten hat mit sozialen Medien einen Turbo bekommen und ist eigentlich eine Stärke des Westens. Denn auf diese Weise ist zuvor ungeahnter Fortschritt möglich, die besten Beispiele dafür sind #Metoo, Fridays for Future und #blacklivesmatter, die ohne soziale Medien nie ihre Durchschlagskraft und Modernisierungsenergie hätten entwickeln können. Die russische Propagandamaschinerie dreht diese Selbstüberprüfung ins Schlechte, und weil liberale Demokratie immer wieder einen Wandel mit sich bringt, gehören insbesondere tatsächliche oder selbstempfundene Modernisierungsverlierer zur Zielgruppe.

Auch der schlichte Dualismus – wenn die EU irgendwo falsch liegt, muss Putin also recht haben – gehört ins Instrumentarium. Ganz vorn aber steht die Instrumentalisierung des Zweifels, wie man bereits am Leitbild von "RT Deutsch" ablesen kann: "’Wir zeigen den fehlenden Teil zum Gesamtbild’. Also genau jenen Part, der sonst verschwiegen oder weggeschnitten wird." Damit wird von Beginn an unterstellt, dass alle immer irgendetwas verschweigen. Auf diese Weise lässt sich nicht nur Verwirrung stiften und noch jeder Unfug als irgendwie legitime oder gar gleichberechtigte Meinung darstellen. Darin verbirgt sich auch ein simpler, psychologischer Trick. Wer eine solche Botschaft transportiert, sagt implizit: Man kann niemandem trauen – außer mir, dem Überbringer dieser Wahrheit.

Die vielen Putin-Fans im deutschsprachigen Netz sind, vereinfacht gesagt, also eine Folge der gesellschaftlichen Liberalisierung, durch die Gegenwartsskeptiker und Ressentimentgeladene sehr empfänglich für moderne, russische Propaganda wurden. Die meisten Putin-Fans lassen sich als nützliche Knalldackel für den russischen Einfluss in liberalen Demokraten betrachten, also überall dort, wo freie Debatten überhaupt möglich sind. Unter Putin ist das etwas schwieriger, und davon zeugt nicht nur der Giftanschlag auf Nawalny. Russland war 2019 laut der Organisation "Reporter ohne Grenzen" in Sachen Pressefreiheit auf Platz 149 von 180.

Den größten Fan aber hat Wladimir Putin außerhalb von Deutschland. Nämlich im Weißen Haus. Nicht nur, dass Donald Trump Politik macht wie von Putins Gnaden und glaubhafte Experten ihn als "Putins puppet", Putins Marionette, bezeichnen. Nein, Donald Trump selbst hat im Jahr 2007 einen Brief an Wladimir Putin geschrieben. Der wichtigste Satz darin: "Wie Sie vermutlich gehört haben, bin ich ein großer Fan von Ihnen!" Passt schon.

Icon: Der Spiegel

Source: spiegel

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