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VW-Chef Herbert Diess steuert ID.3 nach Italien: Wenn Autobosse zum Steuer greifen - DER SPIEGEL - Mobilität

2020-08-14T20:57:38.515Z

VW-Chef Diess hat seine Urlaubsfahrt im E-Auto ID.3 an den Gardasee als PR-Tour inszeniert. Autobosse greifen immer wieder öffentlichkeitswirksam zum Lenkrad. Mitunter geht da einiges schief.


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Herbert Diess am Steuer eines VW ID.3 (auf der Automesse IAA 2019 in Frankfurt)

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Herbert Diess hat turbulente Wochen hinter sich. Softwareprobleme beim neuen Golf, Verzögerungen beim Elektroauto ID.3, die Weitergabe vertraulicher Informationen an die Presse - in Wolfsburg brodelte es so heftig, dass der VW-Konzernchef offenbar kurz vor dem Rauswurf stand. Wenig verwunderlich, dass Diess in einem Interview Ende Juli mit der "FAZ" sagte: "Ich freue mich auf den Urlaub. Mal zwei, drei Wochen Abstand zu nehmen tut sicherlich jedem gut."

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Anstatt tatsächlich eine Auszeit zu nehmen, stürzte sich der 61-Jährige indes in eine PR-Aktion: Er startete mit dem VW-Elektroauto ID.3 in die Ferien, prominent dokumentiert in den sozialen Medien. Diess folgt damit einem bekannten Muster von Autobossen. Sie setzen sich selbst ans Steuer eines ihrer Fahrzeuge, um mit großem Tamtam zu dokumentieren, was eigentlich selbstverständlich ist - nämlich Vertrauen in die hauseigenen Modelle. Hier einige Beispiele für derartige Aktionen:

Im E-Auto in den Urlaub

Der Fahrer: VW-Konzernchef Herbert Diess

Das Fahrzeug: VW ID.3 Pro Performance, 150 kW Leistung (202 PS)

Die Fahrt: Von München nach Malcesine am Gardasee sind es rund 400 Kilometer. Diese Strecke legten VW-Chef Herbert Diess und seine Tochter Caro jetzt mit dem neuen Elektroauto VW ID.3 zurück - der erst ab September als Serienmodell auf die Straßen kommen soll. "Die Daten meiner Fahrt werden mitgeschrieben und ausgewertet", teilte Diess in seinem Profil auf der Karriereplattform Linkedin mit. "Die Tour gilt offiziell als Erprobungsfahrt. Heißt: Der Chef testet selbst". Obwohl VW für das Auto, dessen Akku über eine Speicherkapazität von 58 kWh verfügt, eine Reichweite von 420 Kilometer angibt, legte Diess ausweislich seines Online-Fahrtenbuchs am Brenner eine Ladepause ein und monierte, dass "die Ladestationen vom Navi nicht zielgenau" angezeigt würden. Die Bemerkung dürfte einigen Programmierern bei VW ein paar Überstunden eingebracht haben. Auch das "skip oder vorwärs toggeln von Musik sollte mit der Pfeiltaste nach oben und nicht nach unten erfolgen", bemängelte der Chef. In den sozialen Medien polarisiert die Tour: Einerseits wird Diess gelobt als "einer, der es verstanden hat"; andererseits wird die vergleichsweise kurze Reise als "totale Verarsche" gebrandmarkt.

Das Fazit: Ob Diess' Urlaubsfahrt zum Werbecoup wird, ist offen - denn die Rückfahrt nach München steht noch aus.

Bittfahrt für Milliardenhilfen

Die Fahrer: GM-Chef Rick Wagoner, Chrysler-Chef Robert Nardelli, Ford-Chef Alan Mullaly

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Die US-Autobosse Rick Wagoner, Robert Nardelli, Alan Mullaly und Ron Gettelfinger, Chef der Automobilarbeitergewerkschaft der USA, bei der zweiten Anhörung im Kongress in Washington. Zu diesem Termin waren die Chef der großen drei Autokonzerne in Pkw angereist - und nicht in den Firmenjets wie beim Termin zwei Wochen zuvor.

Foto: Susan Walsh / AP

Das Fahrzeug: Limousinen der US-Hersteller GM, Chrysler und Ford, die genauen Modelle sind nicht überliefert

Die Fahrt: Rund 850 Meilen sind es von der US-Autometropole Detroit in die Hauptstadt Washington. Normalerweise reisen die Chefs der drei großen Hersteller GM, Ford und Chrysler per Firmenjet zu Terminen dorthin. Doch im Herbst 2008 war nichts mehr normal. Die damalige Situation der amerikanischen Autobranche nach dem Zusammenbruch der US-Finanzindustrie glich einer Fahrt in den Abgrund. Die drei großen Konzerne General Motors (GM), Chrysler und Ford standen kurz vor der Insolvenz, sie benötigten Staatshilfen in Höhe von insgesamt 34 Milliarden US-Dollar. Zur ersten Anhörung vor dem Kongress waren die Bosse der großen Drei noch eingeflogen - und bewiesen so mangelndes Fingerspitzengefühl. Beim zweiten Termin hatten Rick Wagoner (GM), Robert Nardelli (Chrysler) und Alan Mullaly (Ford) dazugelernt, sie legten die Strecke mit Autos zurück. "Sind sie diesmal selbst gefahren?", fragte Senator Richard Shelby süffisant. "Ich bin mit einem Kollegen gefahren und wir haben uns abgewechselt", erklärte Rick Wagoner (GM). Chrysler-Chef Robert Nardelli sagte, er sei um 5.30 Uhr morgens aufgebrochen und auch Ford-Chef Alan Mullaly beteuerte, per Pkw angereist zu sein.

Das Fazit: Die Büßergeste zeigte Wirkung, die US-Regierung bewilligte den Autokonzernen schließlich Staatsgelder.

Im Ein-Liter-Auto zur Stabübergabe

Der Fahrer: VW-Konzernchef Ferdinand Piëch

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Das Foto zeigt den ehemaligen VW-Vorstandschef Ferdinand Piëch bei der Ankunft mit dem Ein-Liter-Auto in Hamburg. Piëch war im April 2002 mit dem Prototypen von Wolfsburg in die Hansestadt gefahren - mit einem Durchschnittsverbrauch von 0,99 Liter Diesel je 100 Kilometer.

Foto: Kay Nietfeld / DPA

Das Fahrzeug: VW Ein-Liter-Auto, Einzylinder-Dieselmotor, Zweisitzer, Prototyp

Die Fahrt: Von Wolfsburg nach Hamburg sind es über die Autobahn rund 230 Kilometer. Die Strecke legte Ferdinand Piëch am 14. April 2002, allein per Schleichfahrt zurück, bei strömendem Regen. Der Grund: Tags darauf sollte er den Vorstandsvorsitz des VW-Konzern abgeben und er wollte vor allem als Techniker in Erinnerung bleiben, der der Autowelt Aluminium-Leichtbau, TDI-Motoren und Allradantrieb beschert hatte - und das erste Ein-Liter-Auto. In ebendiesem Fahrzeug, einem millionenteuren, zweisitzigen Prototypen mit windschlüpfiger Carbon-Karosserie und Einzylinder-Dieselmotor zuckelte Piëch also gen Norden. Der Wagen in Form einer Riesenzigarre auf Rädern verbrauchte auf der Fahrt lediglich 0,99 Liter je 100 Kilometer. Am Tag der Hauptversammlung fuhr Piëch das Auto erneut - diesmal allerdings mit Bernd Pischetsrieder als Passagier und lediglich das kurze Stück vom Hamburger Hotel "Vier Jahreszeiten" zum Kongresszentrum, wo 3500 Aktionäre und mehrere hundert Journalisten warteten.

Das Fazit: Die Bilder von Ferdinand Piëch mit Schal und Mütze im (aus Effizienzgründen) ungeheizten Ein-Liter-Auto blieben wie gewünscht im Gedächtnis - und der Spritspar-Rekord ebenso.

Supercharger-Reklametour mit der ganzen Familie

Der Fahrer: Tesla-Chef Elon Musk, außerdem im Auto: Seine damalige Frau Talulah Riley und seine fünf Söhne

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Elon Musk vor einem Tesla Model S. Der Chef des kalifornischen Elektroautobauers startete im März 2014 mit seiner Frau und fünf Söhnen zu einer Fahrt von Los Angeles nach New York in einem solchen Modell.

Foto: Toru Hanai / REUTERS

Das Fahrzeug: Tesla Model S (ein siebensitziges SUV)

Die Fahrt: Der klassische Roadtrip durch die USA ist der von Küste zu Küste - Tesla-Chef Elon Musk kündigte eine solche Reise unter besonderen Bedingungen im Herbst 2013 an. "Ich plane einen Roadtrip von Los Angeles nach New York, insgesamt 3200 Meilen Fahrstrecke in sechs Tagen. Mit der ganzen Familie - das wird ein Abenteuer." Die Fahrt mit Riley und seinen fünf Kindern sollte im Frühjahr 2014 stattfinden. Musk wollte so auf das immer dichtere Netz von Superchargern - die für Tesla-Kunden kostenlosen Schnellladesäulen - hinweisen, das Langstreckenfahrten mit dem Elektroauto problemlos ermöglicht. Tatsächlich finden sich auf den Twitter-Accounts von Musk und seiner Frau mehrere Tweets und Fotos vom "Great American (Electric) Road-trip", allerdings datieren alle vom 31. März 2014. Im letzten Eintrag des Tages schreibt Riley, ihr Mann steuere den Tesla gerade durch einen Blizzard einen Berg hinunter - auf Sommerreifen. Danach verliert sich die Spur. Ob die Familie weiterfuhr und schwieg, die Reise abbrach oder abbrechen musste, darüber lässt sich nur rätseln. Ein Tesla-Sprecher teilte auf Anfrage zunächst nur mit, über keine näheren Informationen zu dem mysteriösen Roadtrip zu verfügen.

Das Fazit: Irgendetwas ging bei diesem Trip schief - zumindest die Kommunikation. Die erratischen Twittereinträge wecken jedenfalls kein Vertrauen in das Model X und das damalige Supercharger-Netzwerk. Großen Schaden hat die Fahrt allerdings langfristig nicht angerichtet, der Aktienkurs des Unternehmens hat sich in den Jahren danach vervielfacht.

Geheimfahrt durchs Großherzogtum

Die Fahrerin: Bertha Benz (und vermutlich ihr Sohn Eugen)

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Zum hundertjährigen Jubiläum der ersten Auto-Fernfahrt der Welt von Bertha Benz und ihren Söhnen von Mannheim nach Pforzheim und zurück ließ der Daimler-Konzern das Geschehen aus dem Jahr 1888 nachstellen.

Foto: Daimler

Das Fahrzeug: Benz Patent-Motorwagen Nummer 3

Die Fahrt: Von Mannheim nach Pforzheim, das sind etwa 100 Kilometer. Auf die Strecke begaben sich im Morgengrauen des 5. August 1888 Bertha Benz und ihre beiden Söhne Eugen, 15, und Richard, 13. Benz war Investorin, aber nicht offiziell Unternehmenslenkerin in der jungen Autobranche. Laut Daimler handelte es sich bei dem Trip um die erste Fernfahrt der Welt mit einem Automobil. Er sollte die Akzeptanz des neuen Patent-Motorwagens erhöhen, der als erstes modernes Auto in die Geschichte einging. Ihrem Ehemann und Vater, Carl Benz, dem Konstrukteur des Fahrzeugs, hinterließen die drei angeblich nur eine Notiz auf dem Küchentisch: "Wir sind zur Oma nach Pforzheim gefahren." Sie stammte aus Pforzheim, die Strecke dorthin war ihr also vertraut. Doch das dreirädrige Gefährt mit Einzylinder-Motor zickte immer wieder. Mal musste die verstopfte Kraftstoffleitung mit einer Hutnadel gesäubert werden, mal musste ein Strumpfband herhalten, um ein blankgescheuertes Zündkabel zu isolieren. Zum Tanken hielt das Trio vor der Apotheke in Wiesloch. Dort gab es Ligroin, ein Waschbenzin zum Reinigen hartnäckiger Flecken, das als Treibstoff genutzt werden konnte.

Das Fazit: Kurzfristig war die Fahrt wohl ein Reinfall. Falls Bertha Benz die Erfindung ihres Mannes mit der Fahrt in ihre Heimatstadt populär machen wollte, so gelang das jedenfalls nicht sogleich. Das Großherzogtum Baden sprach nach der Fahrt ein grundsätzliches Verbot von Motorwagen auf öffentlichen Straßen aus. Jedoch nutzt Mercedes-Benz die außergewöhnliche Reise heute noch bei jeder Gelegenheit als Beleg für die bedeutende Rolle des Unternehmens in der Automobilgeschichte. Langfristig hat sich der Trip also sehr gelohnt.

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Source: spiegel

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