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90 Minuten mit Diego Maradona: Wwarum war er so genial? - DER SPIEGEL - Sport

2020-11-26T14:15:42.930Z

Es heißt, er sei der Größte, und sein WM-Auftritt gegen England 1986 gilt als Beweis. Wer Diego Maradona in jenem Spiel beobachtet, entdeckt aber auch eine andere Form der Genialität.


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Viel mehr als ein Torschütze: Diego Maradona im WM-Spiel gegen England 1986

Foto: 

imago sportfotodienst / imago images/Laci Perenyi

Ich habe Diego Maradona niemals spielen sehen und bewundere ihn trotzdem als einen der Größten. Wahrscheinlich nennt man sowas Mythos. 

Maradonas Name fällt immer dann, wenn darüber debattiert wird, wer der beste Fußballer überhaupt gewesen ist. Er hat Argentinien in zwei WM-Endspiele geführt und eines gewonnen, hat aus der titellosen SSC Neapel eine Spitzenmannschaft gemacht, konnte verdammt gut mit dem Ball umgehen. Und er hat ein Tor mit der Hand erzielt. Eine Legende in jeder Hinsicht.

Jetzt ist Diego Maradona tot, und wir beim SPIEGEL schreiben über sein Leben mit allen Höhen, aber auch Tiefen. Seine Bedeutung für seine Heimat Argentinien. Wie sehr sein Tod die Welt bewegt. Und wie verrückt seine kurze Zeit beim FC Barcelona war.

Was aber hat Maradona sportlich ausgezeichnet?

Ich will dem auf die Spur gehen und 90 Minuten lang allein auf ihn achten. Die Wahl fällt auf Argentiniens Viertelfinalsieg über England bei der WM 1986, vor rund 115.000 Zuschauern zur Mittagszeit in Mexiko-Stadt. Bei jenem 2:1-Erfolg erzielte er das erste Tor mit der »Hand Gottes«, sein Sololauf zum 2:0 wurde zum Tor des Jahrhunderts gewählt. Wahrscheinlich ist dieser Auftritt Maradonas bekanntester überhaupt (hier ist das Spiel im Video zu sehen). Später wird das Team Weltmeister, Maradona sei damals auf seinem Zenit gewesen, heißt es.

Was er außer den Treffern geleistet hat? Ich war damals gerade ein Jahr alt und hatte keine Ahnung. Inzwischen kann ich festhalten, dass es viel mehr gewesen ist, als ich angenommen hatte: Maradona war nicht bloß der Dribbelkünstler, sondern auch ein Fußballstratege. Einer, der anderen nicht nur technisch und athletisch überlegen war, sondern auch taktisch.

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Maradona kurz vor seinem Tor zum 2:0, daneben: Torwart Peter Shilton und Verteidiger Terry Butcher

Foto: STUDIO FOTOGRAFICO BUZZI SRL / imago images

Den ersten Maradona-Moment (zumindest das, was ich mir darunter vorgestellt hatte) beobachte ich nach rund acht Spielminuten. Maradona, klein, gedrungen, ein Kraftpaket, nimmt einen Pass mit der Brust an. Ein englischer Verteidiger fährt das Bein aus, aber Maradona spitzelt den Ball noch in der Luft an ihm vorbei. Dann treibt er ihn mit links vorwärts, er stupst das Leder an, dass es aussieht wie ein Boxer, der sich seinen Gegner mit Jabs zurechtlegt. Ich will die Kontakte zählen, komme aber kaum hinterher, ganz so wie die englischen Spieler.

Dann kommt Terry Fenwick. Dieser Boxer schlägt zurück. Der Abwehrspieler wirft sich grätschend Maradona entgegen, will augenscheinlich nicht den Ball erwischen, sondern das Standbein. »Cinically brought to the ground«, kommentiert der Kommentator (im Video ab Minute 10:55).

Diese Härte ist einer der gravierendsten Unterschiede zwischen dem Fußball, den ich alltäglich schaue, und jenem von 1986. Damals gehört die Grätsche zum Spiel wie der Pass. Wenn Maradona an den Ball gelangt, und das tut er oft, ist sie niemals fern.

Maradona ist ein wunderbarer Techniker, viel besser als die anderen Spieler in diesem WM-Viertelfinale. Und er wird viel gefoult. Beides keine Überraschung. In der Anfangsphase fällt mir aber etwas auf, das ich weniger mit Maradona verbunden hatte: In zwei Spielsituationen hat er seinen eigentlichen Bereich verlassen, das offensive Mittelfeld, um der eigenen Mannschaft im Aufbau zu helfen. Beide Male bekommt Argentinien den Ball nicht recht aus dem eigenen Drittel. Beide Male lässt sich Maradona fallen und stopft Mittelfeldlöcher.

Im weiteren Spielverlauf beobachte ich das immer wieder. Maradona kommt tief, erhält den Ball und leitet diesen oft mit einem Kontakt weiter zu einem anderen Teamkollegen. Was Maradona da macht, nennt man heute »Spiel über den dritten Mann«. Ein Konzept, das Pattsituationen auflösen soll. Wenn der Weg von Spieler A zu Spieler B versperrt ist, schaltet sich Spieler C ein als eine Art Mittelsmann. 

Für uns Zuschauer am TV-Bildschirm sehen solche Bewegungen einfach aus. Auf dem Rasen rechtzeitig zu erkennen, dass sie notwendig werden, erfordert aber hohes Spielverständnis. Und Maradona, der so oft als Straßenfußballer und Instinktspieler bezeichnet wurde, scheint das Spiel zu durchschauen wie ein Mathematikprofessor eine simple Gleichung.

Maradonas Tricks sind so spektakulär, dass der Rest dahinter verschwindet

Maradona spielt den Ball in solchen Szenen oft mit der Hacke, viermal zeigt er solche Hackentricks in der ersten Hälfte, die Zuschauer im riesigen Aztekenstadion raunen. Vielleicht ergibt sich daraus auch eine Art Dilemma in der Wahrnehmung: Maradonas Tricks sind so spektakulär, dass vieles andere dahinter verschwindet. Der Absatzkick bleibt uns eben eher in Erinnerung als der kluge Laufweg.

Es ist heiß in Mexiko-Stadt. Den Fußballern merkt man das an. Argentinien kontrolliert das Spiel gegen passive, aber gut organisierte Engländer. Torchancen gibt es kaum. Und wenn, dann dank Maradona.

Das ist vor allem an Argentiniens Treffern zu sehen. Jeweils ist die Spielsituation davor statisch: Der Gegner steht gut sortiert, der Weg bis zum Tor ist weit, es deutet nichts auf die bevorstehende Gefahr hin. Dann düst Maradona los.

Die 51. Minute (im Video ab 57:19): Die Argentinier sind in Ballbesitz, aber das Spiel läuft schleppend. Maradona lässt sich ins Mittelfeld fallen, bekommt den Ball, dann tänzelt er vorbei am ersten Engländer, am zweiten, er ändert während des Dribblings mehrfach die Richtung, Jab, Jab, Jab.

Als Maradona den Ball schließlich abspielt, befinden sich acht Gegenspieler in seiner Nähe. Der Ball ist weg, aber Maradona läuft weiter bis in den Strafraum. Der Ball fliegt wieder in seine Richtung. Englands Torwart Peter Shilton steigt hoch, er will ihn fangen; Maradona springt ebenfalls, es sieht aus, als ginge er mit dem Kopf zum Ball, aber dann reißt er den linken Arm hoch und überlistet Shilton. 

Die Engländer beschweren sich. Maradona feiert sich.

Mit den Worten »Un poco con la cabeza de Maradona y otro poco con la mano de Dios« habe er nach der Partie einer kleinen Gruppe von Reportern seinen Treffer beschrieben, erinnerte sich ein Reuters-Journalist. Ein bisschen mit dem Kopf von Maradona und ein bisschen mit der Hand Gottes.

Maradonas Gespür für die Spielsituation, seine brillante Technik, seine Fähigkeit, das Spieltempo zu diktieren und alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, all das hat jenen Treffer erst ermöglicht.

Auch vor dem 2:0 deutet wenig darauf hin, dass gleich ein Tor fallen wird (im Video ab 1:01:06 zu sehen). Maradonas erster, zweiter und dritter Kontakt ist jeweils perfekt, mit ihnen lässt er die von zwei Seiten attackierenden Gegenspieler aussteigen. Vor jeder neuen Hürde scheint es, als kalkuliere Maradona einen Moment lang, welche Bewegung nötig ist, um sie zu überwinden. Es wirkt, als hielte er jeweils kurz inne, um auf die Füße seiner Gegner zu achten. Dann geht er an allen vorbei, auch an Keeper Shilton.

Englands Stürmer Gary Lineker, der später das 2:1 erzielen und mit sechs Treffern WM-Torschützenkönig werden sollte, sagte über jenen Maradona-Treffer: »Nie in meiner Karriere war ich so kurz davor, einem gegnerischen Spieler für sein Tor zu applaudieren.«

»Nie in meiner Karriere war ich so kurz davor, einem gegnerischen Spieler für sein Tor zu applaudieren«

Englands Stürmer Gary Lineker über Maradonas 2:0

Das perfekte Dribbling auf der ganz großen Bühne. Elf Sekunden liegen zwischen Ballannahme und Treffer. 68 Meter legt er dabei zurück. Auch hierin liegt Maradonas Magie: Durch seine klugen Bewegungen und dadurch, dass er Argentiniens Fixpunkt ist, gelangt er oft an den Ball. Und seine Soli führen dazu, dass er nicht nur häufiger als andere Fußballer zu sehen ist, sondern auch länger. Als Zuschauer verbringt man mehr Zeit mit ihm. Gepaart mit Maradonas Erfolgsquote und seinen Tricks ergibt das den idealen Unterhaltungsfußballer.

Maradonas Dribblings besitzen eine Art verborgene Qualität. Sie können manchmal kopflos wirken, fast so, als verrenne er sich, vielleicht gar aus Selbstüberschätzung. Dieses Festdribbeln aber ist immer auch ein Ablenkungsmanöver. Wenn die Aufmerksamkeit der Gegenspieler nur noch ihm gilt, spielt Maradona ab. Zu sehen ist das im Video einige Male, etwa ab 1:28:16, als er maximal viele Spieler auf sich zieht, um im letzten Moment den nun freien Teamkollegen einzusetzen.

Manchmal scheint er in die Ecke getrieben und bewegt sich doch frei. Er ist umzingelt und kann doch jederzeit dorthin, wohin es ihn zieht. Ein Durchwändegeher mit dem Ball am Fuß.

Argentiniens Viertelfinalsieg über England gehört vor allem Maradona. 15 Abschlüsse schafft die Mannschaft. An 13 ist er als Schütze oder Vorbereiter direkt beteiligt. Er verbindet Defensive mit Offensive, gestaltet das Spiel, prägt es wie niemand sonst auf dem Platz. Offenbar war das keine Ausnahme. Fünf Tore erzielt er bei jener WM 1986, fünf bereitet er vor. Eine solche WM-Quote hat seither kein Fußballer mehr erreicht.

Ich verstehe jetzt, wieso viele Argentinier von Lionel Messi, in vieler Hinsicht eine Art Nachfolger Maradonas, erwartet haben, ihnen die WM beinahe im Alleingang zu gewinnen: Maradona war das auch gelungen.

Ob das im modernen Fußball noch möglich ist? Ich bezweifle das. Die Abläufe sind heute geprägt von Pressing und Gegenpressing, die Spieler haben weniger Zeit am Ball, die Mannschaften verteidigen viel besser und kompakter. Selbst Ausnahmespieler wie Messi sind auf ein funktionierendes Offensivkonzept angewiesen – nicht, wenn es darum geht, einzelne Spiele zu gewinnen, aber wohl, wenn wir über große Titel sprechen. Ein Spieler allein vermag sie nicht zu gewinnen.

Und wenn es einem gelänge, dann wohl Diego Maradona.

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Source: spiegel

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