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"Ein, zwei Sätze, dann war der Roland am Boden" - DER SPIEGEL - Panorama

2020-10-20T18:33:25.848Z

Ein knappes Jahr nach dem Tod eines Feuerwehrmannes stehen in Augsburg drei junge Männer vor Gericht. Die Jugendkammer muss klären, warum die Situation auf so tragische Weise eskalierte.


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Der Hauptangeklagte vor der Jugendkammer in Augsburg: Jägermeister und Wodka vor der Tat

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Christian M., 50 Jahre alt, ist ein tapferer Zeuge. Seine Jochbein-Fraktur wurde mit zwei Platten fixiert, das Augenlid hängt noch immer nach unten, die linke Gesichtshälfte ist taub. Und die psychischen Folgen der Prügelattacke? Die Nächte seien manchmal etwas kurz, erzählt der Fliesenleger im Saal 201 des Augsburger Landgerichts. "Wo es mich zusammenzieht, ist, wenn ich ein Feuerwehrauto sehe, da kommt das irgendwie wieder hoch."

In einem Rettungswagen erfuhr M. am Nikolausabend vor knapp einem Jahr, dass sein Begleiter nicht mehr lebte. Er hatte mit Roland S., dessen Ehefrau und seiner eigenen Frau einen heiteren Abend in der Stadt verbracht. Drei, vier Glühwein auf dem Christkindlesmarkt, dann noch ein Bier in einer Kneipe. Kurz nach 22 Uhr war das Quartett auf dem Weg zum Taxistand am Königsplatz in der Augsburger Innenstadt. Die Frauen liefen rund zehn Meter vor den Männern.

An das, was dann passierte, hat Zeuge und Gewaltopfer M. heute nur noch schemenhafte Erinnerungen. Neben ihnen seien Jugendliche gelaufen, es habe einen Wortwechsel gegeben. "Warum sich der Roland da hinbewegt hat, keine Ahnung", sagt M. vor Gericht. Dann sei alles sehr schnell gegangen: "Ein, zwei Sätze, dann war der Roland am Boden." Er selbst schubste einen anderen Jugendlichen weg, dann wurde auch er mit Schlägen und Tritten traktiert.

Nicht im Dienst

An diesem Dienstag begann vor der Jugendkammer des Landgerichts Augsburg die juristische Aufarbeitung des Falles, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte. Vor allem, weil der getötete Roland S. Feuerwehrmann war. Mehr als 100 Feuerwehrleute gedachten nach der Tat des verstorbenen Kollegen in der Augsburger Innenstadt. Doch S. geriet als Privatmann in die fatale Auseinandersetzung. Sein Beruf spielte bei der Tat keine Rolle.

Und noch ein weiterer schiefer Eindruck ist inzwischen korrigiert: Von einem gemeinschaftlich begangenen Totschlag durch sieben Jugendliche oder junge Männer ist nicht mehr die Rede, so lautete anfänglich der Vorwurf der Strafverfolger. Es geht jetzt um gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge bei einem Angeklagten und um gefährliche Körperverletzung bei zwei Angeklagten.

Was führte zu der Eskalation?

Vor der Jugendkammer müssen sich nun der 17-jährige mutmaßliche Haupttäter Halid S. und zwei seiner Kumpanen verantworten, sie sind 19 und 20 Jahre alt. Die beiden tragen im Gerichtssaal je eine weiße und eine schwarze Baseballmütze, darunter sind die Haare an den Seiten abrasiert. Der Hauptangeklagte ist der schmächtigste von den dreien.

Halid S. räumt den Tatvorwurf weitgehend ein, sein Anwalt verliest am ersten Prozesstag eine entsprechende Erklärung. Die beiden anderen Angeklagten äußern sich selbst. Darüber hinaus treten noch vier weitere ehemalige Beschuldigte als Zeugen auf, deren Verfahren bereits eingestellten wurden.

Der Version der jungen Männer zufolge haben sie selbst nur auf Aggressionen reagiert: Feuerwehrmann Roland S. habe den Streit provoziert. Demnach ging es um eine Zigarette. "Haben Sie eine Zigarette?", will ein Jugendlicher gefragt haben. Er erklärt vor Gericht: "Ich habe Respekt vor älteren Leuten." Doch der Passant habe bedrohlich reagiert: "Er hat sich direkt vor mich gestellt."

Ein anderer jugendlicher Zeuge meinte auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Lenart Hoesch eher gehört zu haben: "Hast du eine Zigarette?" Die Antwort von S. laut der Jugendlichen: "Halt die Schnauze." Der Zeuge Christian M. hörte diesen Satz nicht. Als sich der Feuermann vor ihm aufbaute, habe er dessen Alkoholfahne gerochen, erzählt ein Zeuge. Die jungen Männer selbst hatten nach eigenen Angaben Jägermeister und Wodka getrunken.

Ein tödlicher Schlag

Was danach passierte, haben mehrere Videokameras festgehalten, die Aufnahmen fließen in den Prozess ein: S. schubste den Zigarettenschnorrer. Daraufhin attackierte ihn der mutmaßliche Haupttäter. Laut Anklage erfolgte diese Attacke "völlig unvermittelt" und "ohne rechtfertigenden Grund". Es war demnach ein "wuchtiger Schlag mit der Faust gegen die linke Gesichtshälfte auf Höhe des Kinns".

Ungewöhnlich tragisch: Dieser eine Schlag war tödlich. Durch die Rotation des Kopfes riss bei Roland S. die Hirnschlagader, im Gehirn sammelte sich eine tödliche Menge Blut. Selbst ein herbeigeeilter Notarzt konnte das Leben des 49-Jährigen nicht mehr retten.

Gewaltbereitschaft des Haupttäters

Die Staatsanwaltschaft hebt in der Anklageschrift die Gewaltbereitschaft des mutmaßlichen Haupttäters hervor. Demnach wurde Halid S. schon früher wegen Körperverletzung und Diebstahls richterlich verwarnt. Auch einer der Mitangeklagten ist vorbestraft. Auf den Handys der jungen Männer fanden die Ermittler mehrere gewaltverherrlichende Videos. Alle drei Angeklagten sind in Augsburg geboren, Halid S. besitzt neben der deutschen auch noch die libanesische und die türkische Staatsbürgerschaft.

Neben Halid S. saßen sechs weitere Beschuldigte mehrere Monate in Untersuchungshaft. Diese Männer kamen aber schließlich nach einem juristischen Tauziehen zwischen dem Landgericht Augsburg und dem Oberlandesgericht München frei. Sogar das Bundesverfassungsgericht befasste sich mit dem Fall. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass von einem gezielten Vorgehen als Gruppe nicht die Rede sein kann. Einige der Beschuldigten standen meterweit vom Geschehen entfernt.

"Die Kammer wird zu prüfen haben, was genau Anlass der Auseinandersetzung war und wer sich hierbei wie verhalten hat", erklärt der Sprecher des Landgerichts, Christian Grimmeisen. Die Tat ist außergewöhnlich gut dokumentiert, es existieren mehrere Videoaufnahmen. In der Liste der 45 Zeugen finden sich auch Passanten und Taxifahrer, die den Vorfall beobachteten.

"Der Alkohol spielte eine Rolle, die Beteiligten waren angetrunken", erklärt der Verteidiger des Hauptangeklagten, Marco Müller, in einer Prozesspause. Von den Ermittlern seien allerdings gleich nach der Tat "Sachen behauptet worden, die sich im Laufe des Verfahrens niemals ergeben haben".

Rechtsanwältin Isabel Kratzer-Ceylan betont, wie schlecht es ihrer Mandantin immer noch gehe. Sie vertritt die Ehefrau des Feuerwehrmanns, die als Nebenklägerin auftritt. Sie musste mit ansehen, wie der eigene Mann plötzlich tot am Boden lag. "Es ist unvorstellbar, so etwas zu erleben", sagt die Anwältin. Die Witwe suche nach Stabilität, aber es bleibe ein unerträglicher Schmerz. "Meine Mandantin möchte für sich und ihren verstorbenen Ehemann Gerechtigkeit."

Es sind vorerst acht Verhandlungstage angesetzt, das Urteil könnte im November fallen.

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Source: spiegel

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